Anal total.

curtcover77_schoenescheisseEs gibt Sätze, die liest man nicht gern. Grundsätzlich schon mal nicht und vor allem überhaupt gar nicht, wenn sie von der eigenen Mutter kommen.

„Ich geb’s Dir anal“ ist ein solcher Satz.

Bevor jetzt aber Gerüchte aufkommen: Meine Mutter hatte nichts dergleichen vor. Sie handelte in bester Absicht und wollte mir lediglich ein Fläschchen Echinacin, das sie nicht verträgt, ich aber schon, überlassen. Und ebendieses Fläschchen wollte meine Mutter mir „bei Gelegenheit“ geben, oder wie wir in Bayern sagen: „Amoi“ oder eben „amal“. Dieser bayerische Ausdruck scheint jedoch den Damen und Herren bei Apple, die offenbar jede einzelne SMS lesen und nach ihrem Gutdünken modifizieren, weder geläufig noch für sie relevant zu sein – weshalb sie sich postwendend dem nächstmöglichen und aus ihrer Sicht offenbar weitaus naheliegenderen Begriff zuwendeten: Anal.

Nun ist anal zunächst einmal an und für sich kein schmutziges Wort. Zäpfchen werden anal angewandt, Fieberthermometer je nach Modell auch – aber die Tatsache, dass die Menschen, die mein Telefon und das meiner Mutter konstruiert haben, im Silicon (!) Valley residieren, zeigt meines Erachtens nach eindeutig, dass der Fokus in diesem Fall weniger auf Arztbesuchen denn auf Doktorspielen gelegen hat.

Der Name dieses kleinen Übeltäters, der aus meiner lieben Mama ein scheinbar inzestiöses Sexmonster macht, ist Autocorrect. Eine Funktion, die – wie so vieles – unser Leben einfacher machen soll, aber oftmals genau das Gegenteil erreicht.

Wobei ich mich eigentlich nicht beklagen sollte, denn die Amerikaner sind von den Unfällen des Autocorrect eindeutig schlimmer betroffen: Wer sich an einem Dock treffen will, trifft sich, wenn er nicht aufpasst, mir nichts, Dir nichts an einem Dick (für all die sprachlich Unversauten: Einer der zahllosen englischen Standardbegriffe für das männliche Geschlechtsteil). Der Ratschlag, sich bei einer Erkältung mit Wick (englisch: Vicks) einzuschmieren („rub vicks all over your chest“) wird schnell mal zu dem Tipp, es mit seinem Penis zu probieren („rub cock all over your chest“). Aus „Cigars“ wird „Viagra“, aus „Homie“ wird „Homoerotic“ und aus „Peanut Butter“ wird wie von Zauberhand „Penis Butter“ (mit ein klein wenig Phantasie kann man sich vorstellen, um was es sich bei diesem fiktiven Brotaufstrich handeln soll). Und auch aus der sowieso schon verzweifelten Äußerung eines Amerikaners, er sei so hungrig, dass er gleich in seinen Hund beißen würde („I’m so hungry I’d eat a dog right now“) wurde urbanen Legenden zufolge einst die Nachricht, er sei so geil, dass er einen Schwanz lutschen wolle („I’m so horny I’d eat a cock right now“). Dass das, was wir im Deutschen als „Blasen“ bezeichnen, im Englischen „Essen“ heißt, sollte im Übrigen jedem trinkfreudigen Münchner zusätzlich zu denken geben, wenn er das nächste Mal auf der Wiesn eine Amerikanerin aufreißt.

Allerdings muss ich zugeben: Mit ein wenig Erziehung wird das alles schnell besser. Nach ein paar von mir eigenständig durchgeführten Korrekturen der Autokorrekturen wird bei meinem Telefon aus „Zefix“ jetzt wieder „Zefix“ (vorher: „Zeugin“) und aus „Griasde“ ein „Griasde“ (vorher: „Grüße“ oder „Grieche“). Nur aus „Pfiati“ wird weiterhin „Privatisierung“. Aber das bekomme ich schon auch noch hin.

Im Gegensatz zu meiner Mutter. Vor kurzem wollte sie mir mitteilen, dass sie „bei Gelegenheit“ an einer „Promo“ teilnehmen wolle. An was sie dann allerdings laut ihres Telefons teilnehmen wollte, brauche ich hier wohl nicht zu schreiben. Möchte ich auch nicht. Könnte ich gar nicht: Ich hab jetzt noch Gänsehaut wia d’Sau.

[Dieser Text erschien im curt Magazin #77, 02/2014, damals erhältlich 

u.a. im Münchner VolkstheaterBergwolfTrachtenvoglCity, Atelier, FeierwerkBackstageSüdstadt,
SubstanzValentin StüberlCafé KosmosCafé am Hochhaus, Deutsche POP Akademie, ZHSMuffathalle,
GesellschaftsraumCorleoneCafé JasminLoretta BarPonyhof Artclub etc.]