Das Plural von Heimat ist Mensch.

Weißwürschd, Lederhosen und das beruhigende Rauschen der Isar: München ist ein Traum von einer Stadt. Aber weil München nicht München wäre ohne eine ordentliche Portion Grant, lasse ich in meiner Funktion als Redakteur des Münchner Magazins curt in jeder Ausgabe in meiner Kolumne „Waschdls Grantnockerl“ so richtig den Grantler raus und zeige auf, was schief läuft in der Landeshauptstadt. Dieses eine mal hatte ich mir die zahlreichen Dimensionen des Heimatbegriffs vorgenommen – und das für meine Verhältnisse ungewohnt ungrantig.

curt78cover_heimat

Heimat ist was Schönes. Berge. Seen. Bier. Weiße Wolken vor blauem Himmel. Kühe auf der Weide, Schweine auf dem Teller. Pralle Wadeln und noch prallere Dekolletes. Bayern auf den Wiesen, Preißn an der Isar. Postkartenidylle. Unwirkliche Schönheit, die schon fast weh tut. Klischees, so breit, so krass, so schmalzig, das man kaum mehr atmen kann. Das ist Heimat. Oder?

In den letzten Jahren habe ich mit verschiedenen Menschen über das Thema Heimat gesprochen – und dabei die unterschiedlichsten Antworten erhalten: Für Sebastian Horn, Sänger der „Bananafishbones“, ist Heimat beispielsweise der Ort, an dem seine Familie, seine Freunde sind. Extremsportler und Musiker Matze Brustmann, Kopf der Münchner Band „Balloon Pilot“, dagegen verbindet Heimat stark mit der Natur um ihn herum. Der Schriftsteller Jan Weiler wiederum betrachtet Heimat als den Ort, an dem er seine Gefühle ausdrücken kann, ein Sprachraum, in dem man ihn versteht. Einer jedoch fiel unlängst ein wenig aus der Reihe: Der Drehbuchautor Peter Probst beantwortete die Frage nach seiner Vorstellung von Heimat so, dass Heimat für ihn dort sei, wo er sich aufregen könne. Wo ihn Dinge bewegen.

Heimat als Aufreger? Als Stressor, als Konfliktherd? Das widerspricht zuerst einmal so ziemlich allem, was das klischeehafte Bild einer Heimat, eines Zuhauses überhaupt erst ausmacht: Geborgenheit. Frieden. Ruhe. Eine Heimat, in der man Kraft aufwenden muss, um in ihr zu bestehen, wirkt dagegen wie ein lästiges Übel. Ungemütlich, unharmonisch, unschön – mit einem Wort: Unheimelig. Wenig erstrebenswert. Irgendwie „falsch“.

Stattdessen wenden wir Unmengen an Energie auf, um die Fassade eines Zuhauses und einer Heimat aufrecht zu erhalten, die in unseren Köpfen „richtig“ zu sein scheint. Wir räumen unsere Wohnung auf, wenn Besuch kommt, und erzeugen so die Illusion, bei uns wäre immer alles in Ordnung (oft gewürzt mit dem Satz „Bitte entschuldigt das Chaos“). Wir streiten nicht mit unserem Partner vor anderen und machen sie so glauben, wir lebten in nicht enden wollender Harmonie. Wir formen unsere Realität nach einem Bild, das eigentlich wiederum unsere Realität widerspiegeln sollte.

Wer jedoch einen Schritt zurück tritt und hinter diese Fassaden blickt, sieht, dass die eigene Wohnung nicht perfekt aufgeräumt sein muss, um ein perfektes Zuhause zu sein. Dass eine Beziehung, in der man streitet, daran nicht kaputt geht, sondern im Grunde genau dadurch am Leben bleibt, weil man sich austauscht, sich voreinander behauptet, sich immer wieder neu kennenlernt. Mit einer Heimat ist im Grunde ganz genauso: Sie wird erst zur Heimat, wenn man erkennt, an welchen Stellen noch gearbeitet werden muss. Wenn man lernt zu unterscheiden zwischen dem, was man akzeptieren muss (in Bayern beispielsweise die Stellung der CSU und die Sprache der Preißn) und dem, was man noch ändern kann (beispielsweise die Stellung der CSU und den verirrten Trachtenwahn der Preißn).

Es gibt so viele Heimaten (sofern das das korrekte Plural ist), wie es Menschen gibt. „Heimat“ ist vielleicht einer der intimsten Begriffe überhaupt, aufgeladen mit Hoffnungen, Ängsten, Wünschen, Sehnsüchten, Traditionen, Innovationen und einer Unmenge an Gefühlen. In ihr steckt alles, was jeden einzelnen von uns ausmacht.

Heimat gehört nicht der Politik, nicht der Werbung und nicht den Wiesnwirten. Heimat gehört uns, und niemand kann sie uns nehmen. Das sollten wir nie vergessen.

[Dieser Text erschien im curt Magazin #78, 02/2014, damals erhältlich
u.a. im Münchner VolkstheaterBergwolfTrachtenvoglCity, Atelier, FeierwerkBackstageSüdstadt,
SubstanzValentin StüberlCafé KosmosCafé am Hochhaus, Deutsche POP Akademie, ZHSMuffathalle,
GesellschaftsraumCorleoneCafé JasminLoretta BarPonyhof Artclub etc.]