Frühling, Winter, Herbst und Scheißzeit?
Eine Abrechnung mit dem beliebten Jahreszeitengegrantel.

Weißwürschd, Lederhosen und das beruhigende Rauschen der Isar: München ist ein Traum von einer Stadt. Aber weil München nicht München wäre ohne eine ordentliche Portion Grant, lasse ich in meiner Funktion als Redakteur des Münchner Magazins curt in jeder Ausgabe in meiner Kolumne „Waschdls Grantnockerl“ so richtig den Grantler raus und zeige auf, was schief läuft in der Landeshauptstadt. Im Herbst 2012 im Visier: Das ewige Gemecker über den viel zu kurzen Sommer. Grund, dass ich das wieder ausgrabe: Der bislang bereits viel zu lange Winter 2013.

curt73Samma amoi ganz ehrlich: So ein Sommer ist doch immer wieder was Schönes. Knackige Bräune, die man sich an der Isar, auf Sommerfesten und in der Badwann’ (dem Starnberger See) zuzieht, zahllose unvergleichlich weiche, die Zeit vergessen machende Radlerräusche im Biergarten, die von einer Mischung auf Angst und Heldentum durchsetzten Heimfahrten auf dem Radl, weil man mal wieder die Fahrradlampe vergessen hat und die Abendzeitung am Morgen wieder was von einer großangelegten Fahrradsünderrazzia gefaselt hat: Der Sommer in München kann einzigartig sein – wenn er einem denn nicht von den zahlreichen gnaden- und freudlosen Jahreszeitengrantlern vor der Nase kaputtgegrantelt wird.

Dass ein Grantler wie ich über Grantler grantelt, mag auf den ersten Blick paradox erscheinen, liegt jedoch schon grundsätzlich in der Natur des Grantelns: Wer in diesem Metier nämlich etwas auf sich hält, lässt keinen anderen neben sich gelten. Dazu kommt, dass jeder Grant zum einen seine Berechtigung, zum anderen aber auch seine Originalität braucht – beides Dinge, die den Jahreszeitengrantlern durchweg abgehen. Im Herbst regen sie sich darüber auf, dass das Wetter so unberechenbar sei. Im Winter darüber, dass es so eisig kalt sei, und immer abwechselnd darüber, dass entweder zu viel oder zu wenig Schnee läge. Im Frühling beglücken sie einen mit einer aufgewärmten Resteportion des Herbstgrantes, um dann, am Besten schon im Mai, den schlechtesten Sommer aller Zeiten auszurufen.

Als in diesem Jahr Ende Mai das bis dahin bombige Frühsommerwetter für einen Moment zusammen zu brechen drohte, erfreute mich beispielsweise mein Freund S. mit dem berechenbaren und zutiefst unoriginellen Facebook-Post „Das war’s dann wohl mit dem Sommer.“ Als einige Wochen später eine Hitzewelle auf uns zurollte, rief mein Freund A. in einer Rundmail „die letzte schöne Sommernacht“ aus. Diese „letzte schöne Sommernacht“ habe ich im Übrigen in diesem Jahr gefühlte 30 Mal genossen, zuletzt Mitte August 3 Tage am Stück.

Was hat es mit dieser Freude am Schlechtreden des Wetters, das einen umgibt, auf sich? Zugegeben, der erste Tag nach der Hitzewelle, an dem ich meine sonnenverwöhnten Hornhautextremitäten wieder in Schuhe hüllen muss, macht mich selbst jedes Mal aufs Neue sehr traurig. Doch deshalb den ganzen Sommer schlechtreden? Und die anderen drei Jahreszeiten bei der Gelegenheit am Besten auch noch?

Na, echt ned. Nicht mit mir. Ich genieße den Sommer und übe mich in Dankbarkeit. Zu Schulzeiten hätte ich die Mädchen aus der Hippiejugend immer an die Wand klatschen können, wenn sie sich gegenseitig Sprüche wie „Mach es wie die Sonnenuhr, zähl die heit’ren Stunden nur“ in die Poesiealben gekritzelt, geschrieben oder gekaligraphiert haben. Aber jetzt amoi unter uns: Die hatten recht. Ganz ehrlich. Ich zähle mittlweile einfach die Sonnenstunden, und das waren in diesem Sommer so viele, dass ich mir die Zahl gar nicht merken konnte. Und den Rest zählen dann meine Jahreszeitengrantlerfreunde. Gut so. Sonst hätte ich am Ende gar nichts mehr zum Granteln gehabt.
[Dieser Text erschien im curt Magazin #73, 03/2012, damals erhältlich u.a. im Münchner VolkstheaterBergwolfTrachtenvoglCity, Atelier, FeierwerkBackstageSüdstadtSubstanzValentin StüberlCafé KosmosCafé am Hochhaus, Deutsche POP Akademie, ZHSMuffathalleGesellschaftsraumCorleoneCafé JasminLoretta BarPonyhof Artclub etc.]