Leck mich an den Hämorrhoiden.

leckomiocurt81Es gibt da diese recht bekannte Nummer von Gerhard Polt. Longline. Ein Tennisfan erzählt darin von einem Match seines Sohnes mit einem, wie Polt es liebevoll nennt, „Kindkollegen“. Dessen Mutter spornt diesen immer und immer wieder zu Leistungssteigerungen an, bis dem von Polt dargestellten Charakter irgendwann die Hutschnur platzt und er die gegnerische Mutter im Rahmen seiner bajuwarischen Möglichkeiten – und dieser Rahmen ist recht ausladend – beschimpft. Eine sehr heitere Episode fiktiver Satire. Fiktiv, möchte man meinen.

Weil jetzt kommt’s: Genau diese Mutter ist mir gestern Abend begegnet. Im Pullacher Schwimmbad. Während sich jeder andere Schwimmer im voll belegten Becken einen Weg zu bahnen versuchte, ohne die anderen Schwimmer unnötig zu belästigen, übte die Mutter in lauter und rücksichtsarmer Manier mit ihrem ungefähr 10-jährigen Sohn Lenny (bei Bedarf darf man sich ihre Namenswahl gerne auf der Zunge zergehen lassen) leistungsorientiertes Schwimmen, besser: Sie ließ ihn üben. Mit schriller Stimme und verkniffenem Watschngesicht versuchte sie, ihrem Sohn den Spaß an der Bewegung nachhaltig zu vermiesen und durch Leistungsorientierung zu ersetzen. Als der Bub altersgemäß eine kurze Drillpause (die Unmutter musste sich am Beckenrand mit einem isotonischen Getränk erfrischen) nutzte, um die letzten Scherben des zerbrochenen Badespaßes bei einem kurzen Tauchgang am Fliesenboden des Schwimmbeckens zu suchen, begrüßte ihn seine Erzeugerin beim Auftauchen mit den Worten „Hab ich nicht gerade gesagt, Du sollst unter Wasser ausatmen?“ sowie einem nachgeschobenen „Hab ich das nicht gerade gesagt, hä?“ und einem liebevollen „Luft holen über Wasser, ausatmen unter Wasser – und jetzt 50 Meter kraulen, ich will Leistung sehen!“.

Während ich noch am Überlegen war, ob ich nicht die Mutter im tiefen Bereich des Beckens ein wenig tauchen sollte (was allerdings den Piktogrammen in den Duschen zufolge verboten ist), geschah folgendes: Eine Mitschwimmerin bittet sie dezent, aufgrund des vollen Beckens doch nach Möglichkeit auf Flossen und andere Hilfsmittel zu verzichten (nebenbei bemerkt ebenso wie das Tauchen anderer Kinder im Schwimmbetrieb verboten) – woraufhin die Höllenmami diese mit einem verächtlichen Blick und der Aufforderung, „doch einfach still“ zu sein, sowie dem Zusatz „Preissnpritschn“ beehrt.

Und hier liegt der entscheidende Fehler: Denn im Poltschen Original ist sie es, der diese Bezeichnung zusteht, sogar in der Steigerung „Hämorrhoidenpritschn“ – einem bayerischen Schimpfwort, das einen Menschen mit einem schlecht gefederten und zugigen Automobil vergleicht, das einem eben diese unschönen, vergrößerten arteriovenösen Gefäßpolster verschafft, die ringförmig unter der Enddarmschleimhaut angelegt sind und im Normalbetrieb dem Feinverschluss des Afters dienen, bei einer Vergrößerung jedoch zu großen Schmerzen und unangenehmen Blutungen am Anus führen. Und als wäre das nicht genug, wird die Mutter in der Satire darüber hinaus noch als „bleeds Kracherl“, als „Matz, verreckte“, „Schoaßwiesn, mistige“, „Schoaßblodan“ sowie als „Brunzkachen, o’gsoachte“, die „mit der Scheißbiaschdn nausg’haut“ gehöre, bezeichnet. Titel, die zwar auch der realen Coverversion aus dem Schwimmbad zustünden, nicht jedoch deren Benutzung.

Lenny hatte sich währenddessen übrigens lautlos aus dem Staub gemacht, um im Außenbecken seinen Spaß nicht nur zu suchen, sondern auch zu finden. Der Bademeister dagegen gab sich mittlerweile sichtlich Mühe, zwischen den beiden Damen zu vermitteln, die es jedoch vorzogen, im bereits vollkommen leeren Becken direkt nebeneinander zu schwimmen und sich mehrere Male beinahe berührten. Die Leistungsmami ermahnte er noch zwei Mal, die Mitschwimmerin nicht noch mal mit ihren Flossen zu provozieren, was sie jedoch nicht zu hören vorgab – woraufhin er ihr die Schwimmgeräte unter lautem Protest abnahm und ihr mitteilte, sie könne sie nach Badeschluss am Eingang abholen.

Und wie er dann so dastand, auf das von zwei Streithennen zerwühlte Wasser blickte und sich zur Stärkung einen Energieriegel reinpfiff, hörte man ihn murmeln. Nicht schimpfen, nur murmeln. Er blickte auf die Motzgöre im Wasser, schüttelte den Kopf, nahm einen Schluck von seiner Cola und sagte leise, aber bestimmt: „Leckomio“. Dem Gerhard Polt hätte es gefallen.

[Dieser Text erschien im curt Magazin #82, 03/2015,  erhältlich
u.a. im Münchner VolkstheaterBergwolfTrachtenvoglCity, Atelier, FeierwerkBackstageSüdstadt,
SubstanzValentin StüberlCafé KosmosCafé am Hochhaus, Deutsche POP Akademie, ZHSMuffathalle,
GesellschaftsraumCorleoneCafé JasminLoretta BarPonyhof Artclub etc.]