Meetwurst.

Wir leben in einer Zeit der verschobenen Prioritätensetzung. Statt tatsächlich zu arbeiten, lösungsorientiert unser Tagwerk zu verrichten und dabei auch hin und wieder Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen entweder zu fällen oder einzufordern, sprechen, palavern, labern und vor allem schwallen wir uns stundenlang von einem Meeting in das nächste, bis wir endlich im  Feierabend angelangt sind. Ein Unding, dass zwar offiziell unter Arbeit fällt, aber mit dem tradierten Arbeitsbegriff nur so viel zu tun hat, dass es oft nervt und dass man dafür bezahlt wird. Die physikalische Definition von Arbeit, bei der man Energie aufwendet, um eine Veränderung zu erreichen, ist spürbar nicht gegeben. Das oftmals einzige Ergebnis: Frustration, die wir mit Alkohol, Essen sowie Fit- und Wellnessangeboten auszugleichen versuchen.

Das Interessante daran: Diese Verschiebung setzt sich in ebendiesen Bereichen fort. Beispiel: Statt den Fokus auf das Yoga selbst zu legen, kümmern wir uns oftmals vielmehr darum, die richtige Yogahose zu kaufen und die Yogamatte möglichste ostentativ in der Wohnung, dem Beifahrersitz („meines Coupés“, wie der geneigte Angeber nun hinzufügen würde) oder neben dem Schreibtisch zu positionieren. Wir joggen nicht einfach, sondern zelebrieren das Laufen als Auftritt in Kompressionsunterwäsche, Designermütze aus atmungaktivem Funktionsmaterial und mehr Rechenpower am Arm und im Schuh, als die Apollo 11 zur Mondlandung zur Verfügung hat. Für die Auswahl all dessen wenden wir 80 Prozent der Zeit auf, die wir offiziell mit Laufen verbringen.

Das alles mag überspitzt klingen, beherbergt aber mehr als nur ein Fünkchen Wahrheit. Abhilfe schaffen könnte eine einfache Technik: Sich vorzunehmen, einmal am Tag etwas zu leisten, was greifbar ist. Etwas, was als echtes „Tagwerk“ vor einem liegt und einen zumindest für einen Augenblick mit Stolz erfüllt. Was das sein könnte? Fraglich. Für einen Schreiner kann das ein Stuhl sein, für einen Wirt sind es die Türme leere Bierkästen hinter der Bar. Bei Schreibtischtätern ist das schwieriger. Ich habe aus diesem Grund diesen Blog. Bis jetzt (Tag 3) funktioniert er auch noch ziemlich gut.