Pendlerrealität.

Wir sind umgezogen. Also nicht wir Privatmenschen, sondern wir Arbeitstiere. Also mein derzeitiges Hauptprojekt. Vom sagenhaft abgrundtief hässlichen Frankfurter Ring zur sagenhaft abgelegenen Heidemannstraße 170. Wo das ist? In Freimann, kurz vor der Allianz Arena und noch hinter dem Euroindustriepark, der für sich genommen schon unfassbar weit draußen ist. Oder ganz unverblümt: Am Arsch der Welt.

Nun begibt es sich, dass ich ja selbst ohne Fremdverschulden mein Leben an den Arsch der Welt verlegt habe. Um jedoch festzustellen: Arsch ist nicht gleich Arsch. Ich selbst wohne eher am Arsch von Charlize Theron, die Heidemannstraße dagegen eher am Arsch von Hermes Phettberg. Darüber können auch die Grünflächen rund um unser zweifelsohne schöne und geräumige Büro nicht wegtäuschen.

Die Misere beginnt bereits in der U-Bahn: Die U6 hat als Endhaltpunkt Garching-Hochbrück, Heimat eines Forschungsreaktors sowie unzähliger körperpflegeunwilliger Forscher und Forschungsstudenten, die die U-Bahn spätestens ab der Münchner Freiheit beherrschen und olfaktorisch bereichern. Doch damit nicht genug: Mit irrem Blick im Gesicht murmeln sie ohne Unterlass vor sich hin und kritzeln unverständliche Formeln vor sich hin. Mathematik KANN sexy sein, wie ich bereits vor Jahren durch die Bekanntschaft einer hübschen Mathematikerin erfuhr, aber die U6 ist zur Beweisführung dieser Behauptung ungefähr so geeignet wie das Nazidorf Jamel als Beweis für die multikulturelle Basis einer neuen BRD.

Und dann der Ausstieg. Man entsteigt der U-Bahn nahezu allein (alle anderen sind entweder schon draußen oder strahlen bereits dem Reaktor entgegen) und muss noch einige hundert Meter gehen. Ich gehe grundsätzlich gerne, spaziere durch Wälder, steige auf Berge und flaniere durch Städte. Die Heidemannstraße aber schreckt Fußgänger mit zeitweise sechs Spuren und damit verbunden bereits bei trockener Fahrbahn mit einer beängstigenden Lautstärke nachhaltig ab. Die Masse an Autos und das Fehlen von anderen Fußgängern machen jeden Meter zu einer regelrechten Qual. Nicht auszudenken, wie lange diese Meter bei Regen werden.

Aber: Was mich nicht umbringt, macht mich kränker. Von dem her sollte ich neben Antihistaminen, Kopfschmerztabletten und Iberogast künftig wohl auch ein paar Antidepressiva einpacken. Wenn es nach meinen Kollegen geht, eine Großpackung. Die kommen nämlich auch reichlich genervt an.

Wobei, so lange man das Bürogebäude nicht verlässt, ist eigentlich alles in Ordnung. Vielleicht sollten wir einfach nochmal umziehen. Also diesmal nicht wir Arbeitstiere, sondern wir Privatmenschen. Im ersten Stock hab ich noch zwei leere Büros gesehen. Da würde schon noch ein Bett reinpassen. Und die Antidepressiva, die lassen wir uns einfach liefern.