Socialsportingwahn.

Weißwürschd, Lederhosen und das beruhigende Rauschen der Isar: München ist ein Traum von einer Stadt. Aber weil München nicht München wäre ohne eine ordentliche Portion Grant, lasse ich in meiner Funktion als Redakteur des Münchner Magazins curt in jeder Ausgabe in meiner Kolumne „Waschdls Grantnockerl“ so richtig den Grantler raus und zeige auf, was schief läuft in der Landeshauptstadt. Im Sommer 2013 im Visier: Das zwanghafte „Einchecken“ in Fitnessstudios. Warum ich ihn gerade jetzt hier veröffentliche: Weil ich mich derzeit viel zu wenig bewege.

Bildschirmfoto 2014-05-12 um 18.13.12

Ich war jetzt wieder beim Radeln. Das bedeutet, dass, wenn mich der Rappel packt und Bewegung unausweichlich ist, um meine psychische Grundzufriedenheit und damit auch das Seelenheil meines sozialen Umfeldes sicherzustellen, ich aufs Radl steige und losfahre. Ich tue das auch, weil ich bereits keuche, wenn ich zwei Flaschen Bier aus dem Keller hoch tragen soll. Weil die Körperfettwaage, die ich als Werbegeschenk für ein Stern-Abo bekommen habe (das nebenbei bemerkt sterbenslangweilig war), meinen Körperfettanteil als armseelig bezeichnet (zumindest steht „poor“ im Display). Und ich tue das, und das ist vielleicht der wichtigste Grund, weil es mir Spaß macht. Es gibt so viele Gründe, einfach auf sein Radl zu steigen und loszufahren. Einer jedoch ist mir vollkommen schleierhaft, obwohl er immer weiter verbreitet zu sein scheint: Sport treiben, um es anschließend über Facebook in die Welt hinauszukotzen.

Ehrlicherweise muss man hier zwei Typen unterscheiden: Die einen sind die, die Ihre sportliche Leistung deshalb bekanntgeben, weil sie sich dabei von einer App begleiten lassen, die aufgrund ihres technisch begrenzten sozialen Umfeldes ganz wild auf eine Social-Media-Anbindung ist. Ich benutze so was auch, und es ist nicht ganz einfach, einen Post á la „Ich bin gerade 2900 Kilometer in 8 Minuten gefahren und fühle mich großartig dabei“ zu vermeiden, eben weil die App einen förmlich dazu zwingen möchte und alles unternimmt, dass man diesen Schritt nicht überspringt. Möglich ist es dennoch.

Der andere Typus sind dagegen diejenigen, die in ihrem Fitnessstudio „einchecken“, also die ganze Welt daran teilhaben lassen, dass sie sich gerade „im Studio“ und damit in dem Irrglauben, sie würden jetzt Sport treiben, befinden. Ich war jetzt ein Jahr in einem solchen Laden angemeldet und muss sagen: Um Spaß geht es dort nicht. Ein Fitnessstudio ist in etwa so was wie ein Glockenbachcafé mit Schweissgeruch: Man achtet darauf, die richtigen Trainingsklamotten anzuziehen, ergötzt sich am Anblick hauteng bekleideter Schicksen, stemmt möglichst öffentlichkeitswirksam möglichst große Gewichte, im Idealfall nie, ohne den Blick von seinem Spiegelbild an der überdimensionalen Spiegelwand zu nehmen – und trinkt anschließend zu Wucherpreisen einen Premiumfruchtsaft oder alternativ ein künstliches Getränk, das „nach modernsten wissenschaftlichen Erkenntnissen entwickelt“ wurde. Darüber hinaus ist es in einem Fitnessstudio offenbar verpönt, sich zu sehr auf seine sportlichen Ambitionen zu konzentrieren, denn der Großteil der (in erster Linie) Männer verbringt den Großteil seiner Zeit nach vorne gelehnt mit dem Blick auf das i- oder sonstige Smartphone gerichtet – immerhin muss man ja wie gesagt über Foursquare, Twitter, Instagram, Facebook und am Besten noch über Xing mitteilen, wo man gerade ist. Also ich geh nicht mehr hin. Eingecheckt hab ich da eh nie.

Wobei ich auch ganz ehrlich sein will – meine Radlerlebnisse sind, wenn man sie mal von außen betrachtet, recht ähnlich: Am Ende lande ich am liebsten in einem Biergarten und trinke ein nach wissenschaftlichen Erkenntnissen von Mönchen entwickeltes Bier, das im Idealfall mit Kohlenhydraten und ascorbinsäurehaltigem Zitronenaroma zu einer Radlermaß veredelt wurde. Wenn sich eine Bedienung in ihrem im oberen Bereich hautengen Dirndl vornüberbeugt, schaue ich sicherlich nicht weg. Und dann hole ich, vom Sport geschwächt und vom Bier zum Müßiggang ermutigt, mein iPhone raus, um nachzusehen, wie ich am einfachsten mit der S-Bahn wieder nach Hause komme. Weil übertreiben möchte ich es ja auch nicht mit der Fitness.

 

[Dieser Text erschien im curt Magazin #73, 03/2012, damals erhältlich
u.a. im Münchner VolkstheaterBergwolfTrachtenvoglCity, Atelier, FeierwerkBackstageSüdstadt,
SubstanzValentin StüberlCafé KosmosCafé am Hochhaus, Deutsche POP Akademie, ZHSMuffathalle,
GesellschaftsraumCorleoneCafé JasminLoretta BarPonyhof Artclub etc.]