Was haben wir uns da nur eingebrockt?
Zum 30sten Geburtstag des Münchner Feierwerks.

Weißwürschd, Lederhosen und das beruhigende Rauschen der Isar: München ist ein Traum von einer Stadt. Aber weil München nicht München wäre ohne eine ordentliche Portion Grant, lasse ich in meiner Funktion als Redakteur des Münchner Magazins curt in jeder Ausgabe in meiner Kolumne „Waschdls Grantnockerl“ so richtig den Grantler raus und zeige auf, was schief läuft in der Landeshauptstadt. Diesmal im Visier: Das Feierwerk.

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Das Feierwerk feiert Geburtstag. Sauber. 30 Jahre Lärm, Unangepasstheit, Rock’n’Roll und hemmungsloser Bierkonsum. Und der Ude hält eine Rede dazu. Als ich 30 geworden bin, kam er nicht. Dabei hab ich weitaus weniger Bier getrunken und war auch 30 Jahre lang leiser. Stattdessen hat meine Mama leise vor Rührung geweint und dann mit mir gekickert. Mal sehen, zu was sich der Ude noch so breitschlagen lassen wird im Geburtstagsjahr. Vielleicht heult er ja sogar richtig.

Allein schon der Name. Das Wort „Feiern“ ist kein Wort, das man unbedacht gebrauchen sollte. Feiern kann man seinen Geburtstag, einen neuen Job oder meinetwegen auch den Verlust eines Jobs, wenn man den Kollegen, der ebendiesen Job verloren hat, partout nicht mochte. Man kann selbstverständlich auch Weihnachten feiern, Ostern auch gerne, wenn man arg fromm ist sogar Pfingsten. Eine Hochzeit sollte man ebenfalls feiern, weil’s sonst schief gehen könnte, eine Beerdigung sowieso, weil sonst alles, was vorher war, umsonst gewesen ist. Grundsätzlich aber gilt: Ohne Anlass keine Feier.

Seit einigen Jahren jedoch inflationiert sich die Wochenendgemeinde fröhlich ins Sprachnirvana und feiert so ziemlich alles, was ihr vor die Partyflinte kommt. Statt „einen trinken“ zu gehen, geht man heute „feiern“; Wer einen Kater hat, hat nicht zu viel getrunken, sondern „zu derbe gefeiert“; Wer sich in ein neues Album, eine neue Hose oder einen Film verliebt, sagt nicht einfach eben das – sondern „feiert“ wahlweise Album, Hose oder Film. Nur noch zu toppen ist diese Formulierung vom unsäglichen „Party machen“. Insofern können wir ja froh sein, dass das Feierwerk nicht „Partypalast“ heißt. Wenigstens etwas.

Und dann dieses Gelände. Feinster Münchner Baugrund, Premiumqualität. Zentrale Lage, S- und U-Bahn-Anschluss auf der einen, dekadent großzügige Grünflächen im Westpark auf der anderen Seite. Ohne Probleme könnte man da einen ganzen Schwung Panorama-Appartements hinknallen, die einem der Geldadel nur so aus den Händen reißen würde, aber nein: Wir lassen die tätowierten, rauchenden, stammelnd-radebrechenden und entweder zu enge oder zu tiefe Hosen tragenden Rocker, Rapper und Popper machen was sie wollen. Wir lassen sie sich selbst regelmäßig förmlich überfordern, indem sie sowohl Kapellen aus der ganzen Welt als auch Münchner Bands spielen lassen, als wäre nicht eines davon genug. Wir lassen sie einen Radiosender betreiben, der nicht mal seine Mitarbeiter ordentlich bezahlt, weil er sich weigert, unser Wirtschaftssystem, auf dem unser gesamter Wohlstand beruht, auf sich anzuwenden und die Musik zu spielen, die die werberelevante Zielgruppe hören möchte. Wir lassen sie unseren Kinder Dinge wie Kunst, Musik und Skateboardfahren beibringen, anstatt sie möglichst früh in die Betriebswirtschaft einzuführen. Und wir lassen sie Münchner jeden Alters dabei unterstützen, sich zu entfalten – die schlimmsten von denen sind wahrscheinlich dann die, die das Entfalten mit dem Entblättern verwechseln und dann Sommer wie Winter nackad im Englischen Garten umeinander hüpfen. Wie blöd sind wir eigentlich?

Nein, ganz ehrlich: Was wir da machen, ist hirnrissig. Vollkommen unvernünftig. Wenn man einmal genau nachdenkt, muss man zugeben: Ohne das Feierwerk wäre München weitaus zivilisierter. Ruhiger. Unaufgeregter. Reicher. Und – nicht zu vergessen – hochwertiger bebaut.

Wenn man allerdings noch einmal nachdenkt und noch ehrlicher ist, als man es gerade eben schon war, wird man auch eines sagen müssen: Ohne das Feierwerk wäre München ein gutes Stück langweiliger. Etwas leblos. Grau. Kurz: München wäre nicht München.

In diesem Sinne: Ois Guade zum 30sten! Und aus Erfahrung kann ich sagen: Die besten Jahre kommen erst noch!

 

[Dieser Text erschien im curt Magazin #74, 01/2013, erhältlich u.a. im Münchner VolkstheaterBergwolfTrachtenvoglCity, Atelier, FeierwerkBackstageSüdstadtSubstanzValentin StüberlCafé KosmosCafé am Hochhaus, Deutsche POP Akademie, ZHSMuffathalleGesellschaftsraumCorleoneCafé JasminLoretta BarPonyhof Artclub etc.]