Wir lieben Boykottstimmung.

[Anmerkung: Dieser Text erschien im Jahr 2016, als es Tengelmann noch gab. Grad noch. Aber das Milch- und Gut/Böse-Thema wird immer noch gerne verquickt, daher ist der Text auch immer noch aktuell. Finde ich.]

 

Wir haben ja mal wieder ein Aufregerthema. Oder hatten, weil zum Zeitpunkt dieser Zeilen ist der Sturm eigentlich schon wieder abgeebbt. Es ging und geht um die Milchbauern, die für ihr Produkt Stück für Stück unter das Existenzminimum gedrückt werden. Von wem? Ganz klar: von den Bösen. Und das sind in unserer Welt nicht mehr Adolf Hitler, Darth Vader oder Clarissa von Anstetten (Reihenfolge zufällig), sondern eine schwer definierbare, aber in diesem Fall gern gebrandmarkte kulinarterroristische Gruppierung namens „Die Discounter“.

Ausgelöst hatte die Kollektivwut auf die vermeintlichen Milchfaschisten einmal mehr die Fleisch und Hut gewordene Kabarettistenbeleidigung Harry G., der es sich wie so oft nicht verkneifen konnte, seinen Senf zu dem Thema auf Facebook in Form eines Videos mit herumfuchtelndem Finger und tanzender Augenbrauen herumzuschmieren. Der erklärte und aus seiner Sicht eindeutige Feind: „Da Aldi“. Und diesen Feind übernahmen anschließend seine Gefolgsleute (oder sagt man da eher Follower?) gerne und begannen, sich in den asozialen Medien umfangreich darüber auszulassen, dass man gefälligst nicht mehr zum Discounter bzw. konkret „zum Aldi“ rennen solle. Um die Milchbauern zu retten.

Was dabei nicht beantwortet wurde, waren zwei zentrale Fragen: die nach dem „Wirklich“ (Antwort: Nein, so einfach ist es leider nicht) sowie die nach dem „Sondern“. Aus gutem Grund: Denn die Antwort auf die zweite Frage würde die gesamte im schlichten Hirn des Herrn G. auf populistische Banalitäten reduzierte Hasstirade gegen „an Aldi“ ad absurdum führen, besieht man sich einmal die Alternativen.

Da wäre zum Beispiel REWE. Ein Konzern, der wie kein anderer die Gentrifizierung mit der Peitsche vorantreibt und deutsche Innenstädte mit singlefreundlichen Minisupermärkten (REWE City) und premiumschwangeren Feinkostregalen (REWE Feine Welt) zuscheißt, um gleichzeitig ein paar hundert Meter weiter den Pöbel mit Billigfutter (und -milch) abzufertigen: „Erstmal zu Penny“.

Eine Ausnahme in der Geschäftslandschaft? Nicht im Geringsten. Als nächstes gibt’s da ja EDEKA. „Wir lieben Lebensmittel“. Vor allem aber liebt man dort das Geld seiner Kunden; so sehr, dass man neben einer Supermarktkette mit 11.585 Filialen und 10.500.000 Quadratmetern Ladenfläche, eigenen Fleischwerken, Großbäckereien und sogar einem eigenen Verlag für das Kundenmagazin auch noch eine Bank gegründet hat: die EDEKABANK. Wir lieben Geld.

Dass man sich dabei als Tante-Emma-Laden inszeniert, funktioniert so gut, dass die Tatsache, dass EDEKA de facto mit großem Abstand Marktführer vor allen anderen Wettbewerbern ist, gerne übersehen wird. Die einzige Instanz, der die unkontrollierbare Marktmacht des Branchengoliaths aufzufallen scheint, ist das Bundeskartellamt, das den Konzern seit einiger Zeit sehr kritisch beobachtet. Wir lieben Monopolmacht. Klar, man könnte diese Macht natürlich auch nutzen, um dem Verfall des Milchpreises entgegenzuwirken, aber pst: Wir lieben ja auch Geld (siehe oben). Daher: Scheiß drauf! Und wenn jemand fragt: Bei uns gibt es ja auch Berchtesgadener Milch und die zahlen als Genossenschaft ja einen guten Preis an ihre Bauern. Man klopfe uns auf die Schultern. Dass EDEKA jedoch mit seiner Eigenmarke genau die Dumpingmilch auf den Markt wirft, die Milchbauern in Scharen in den Ruin treibt, muss ja nicht unbedingt erwähnt werden.

Dass es auch vonseiten EDEKAs eine Einkaufsvariante für den Pöbel namens NETTO gibt, fällt der breiten Masse übrigens ebenfalls nur selten auf – dass hier mehr Mitarbeiterunterdrückung, Lohndumping und unrechtmäßige Werkverträge an der Tagesordnung sind als irgendwo sonst noch weniger. Nein, solche Realitäten muss man ausblenden, um die Wahrheit zu erkennen: Wer zu EDEKA geht, hat ein reines Gewissen und tut Gutes für sich, seine Familie und den Rest der Welt. Wir lieben Selbstbetrug.

Und dann gibt es da noch meinen persönlichen Liebling. Den Underdog unter den Lebensmittelhändlern, den netten, kleinen Laden von nebenan, in dem man alternden Damen und halbstarken Kiffern in klassisch gestreiften Lebensmittelhändlerkitteln dabei zusehen kann, wie sie im Fünf-Minuten-Takt „Kasse 5 bitte Storno“ in die Sprechanlage nuscheln und in jeder freien Minute (und auch sonst) Gurken nach Länge sortieren und bei Colaflaschen darauf achten, dass jedes Etikett ordentlich nach vorn schaut: Tengelmann. Ja, der arme Tengelmann. Man muss eigentlich schon in der Vergangenheitsform von ihm sprechen: Mit traurigen Gesichtern gab die Tengelmann-Führung nämlich vor gut eineinhalb Jahren bekannt, dass man sich aus dem Geschäftszweig Supermärkte zurückziehe. Die fortschreitende „Aldisierung“ der Gesellschaft mache es unmöglich, konkurrenzfähig zu bleiben, hieß es damals. Also wolle man – tadaa – das Filialnetz an EDEKA verkaufen (übrigens einer der Gründe für die Beobachtung durch das Bundeskartellamt). Selbstverständlich wurde umgehend für alle Anleger die Information nachgeschoben, dass das Unternehmen wirtschaftlich stabil dastehe. Dank seiner zwei Hauptsäulen OBI und – jetzt kommt’s – KiK. Ja, richtig gelesen: KiK. Das Dumping hat Tengelmann nach eigener Aussage zerstört, aber Tengelmann hat ja Gott sei Dank noch den hochwertigen, nachhaltigen und ständig an der Wahrung der Menschenrechte orientierten Premiumhandel KiK in der Hinterhand.

„Kauf nicht bei Aldi“, durfte ich mir vor Kurzem auch in echt (ohne Facebook) von zwei Freundinnen anhören. Meine erste Assoziation waren braun gekleidete Männer mit Schildern in der Hand, auf denen „Kauft nicht bei Juden“ steht. Die Boykott-Kultur ist wieder hip und das liebste Spielfeld der Boykottjünger ist der Lebensmittelbereich. Denn hier findet sich aus Sicht vieler der Kern einer neuen alten Philosophie: Du bist, was du isst. Und je teurer und damit besser du isst und einkaufst, desto besser bist du. Logisch. Viele zahlen daher lieber so viel wie möglich für bestimmte Lebensmittel anstatt so viel, wie es eben wert ist. Beispielsweise könnte man nach Aussagen von Tierschützern die Lebensbedingungen eines konventionell aufgezogenen Schweins deutlich erhöhen, wenn man auf den Fleischverkaufspreis 40 Cent pro Kilo aufschlagen und diese direkt in die Tierhaltung investieren würde (übrigens ein Konzept, an dem zumindest in Ansätzen einige deutsche Supermarktketten derzeit arbeiten, unter anderem auch Aldi und Lidl, nicht aber EDEKA). Diese hypothetischen 40 Cent werden vom geneigten Endverbraucher jedoch nicht als Verbesserung wahrgenommen, weshalb der lieber 8 Euro mehr zahlt, um vermeintliche Bio-Qualität zu bekommen, von denen wiederum beim entsprechenden Bauer lediglich 1,50 Euro ankommen, um die Haltung seiner Tiere zu verbessern. Der Rest des Geldes landet beim Großhändler und der Marktkette – dafür hat man als Kunde am Ende ein reines Gewissen. Wir lieben Gewinnmargen.

Das hier soll kein Loblied auf Aldi oder einen anderen Discounter sein. Dass so einiges schiefläuft bei der massenhaften Produktion von Lebensmitteln ist sonnenklar und ein Wechsel in der globalen Strategie ist längst überfällig. Aber man ändert nichts, indem man die einen, bei denen der Stempel des Bösen besonders gut aussieht, boykottiert und damit die, deren verlogene Eigendarstellung besser funktioniert, damit stärkt (Wir lieben Brand Marketing). Jeder kann und soll dort einkaufen, wo er das möchte, doch solange es ein Supermarkt ist, sollte man sich nicht einbilden, dass man als Kunde des einen Ladens ein besserer Mensch ist als der Kunde des anderen.

Bei uns daheim schlagen wir der Debatte übrigens jetzt auf eine ganz andere Art ein Schnippchen: Für Milchvieh fehlt uns zwar der Platz, aber wir halten seit Kurzem Hühner, die mit viel Liebe aufgezogen werden und uns dafür ihre Eier in einer aus naturbelassenem Holz von uns selbst im Garten erbauten Hütte legen. Diese Eier lagern wir anschließend in gebrauchten Eierkartons.

Und zwar in Eierkartons vom Aldi.

 

[Dieser Text erschien im curt Magazin #84, 07/2016, damals erhältlich 

u.a. im Münchner VolkstheaterBergwolfTrachtenvoglCity, Atelier, FeierwerkBackstageSüdstadt,
SubstanzValentin StüberlCafé KosmosCafé am Hochhaus, Deutsche POP Akademie, ZHSMuffathalle,
GesellschaftsraumCorleoneCafé JasminLoretta BarPonyhof Artclub etc.]